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„Unternehmertum ist kein Sprint, sondern ein Marathon!“

Mehrdad Bonakdar, Gründer von KENSINGTON International und Herausgeber des ON LOCATION Lifestyle Magazins, hat sich mit Tim Bütecke, Exporo Gründer, zu einem Gespräch von Entrepreneur zu Entrepreneur getroffen, um über Gründertum, Venture Capital, Visionen und mehr zu sprechen.

Tim Bütecke, 45 Jahre alt, ist der Pionier in der Welt des Crowdinvestings von Immobilien. Im Jahr 2012 entwickelte er eine Idee, die eine gesamte Branche prägen sollte: Er gründete 2014 schließlich mit Partnern die Plattform Exporo für innovative Immobilienschwarmfinanzierung. Das Unternehmen, das mit einem kleinen Team und gedruckten Exposés in der Hansestadt Hamburg begann, ist heute mit über 250 Mitarbeitern und einem Marktanteil von nahezu 85 Prozent der Marktführer in Deutschland. Schrittweise hat sich Tim Bütecke im vergangenen Jahr aus dem Unternehmen zurückgezogen, um sich neuen Ideen zu widmen.

MB: Hallo Tim. Wie geht es Dir heute?
TB: Hervorragend. Entspannt und voller Tatendrang.

MB: Und wie geht es, Deiner Einschätzung nach, der Crowdinvesting-Branche derzeit?
TB: Die Umsätze der Immobilienbranche sind in jüngster Zeit etwas zurückgegangen. Das betrifft selbstverständlich auch die Projektfinanzierung mittels Schwarmfinanzierung, also Crowdinvesting.

MB: Woran liegt das? Sind die Projektentwickler vorsichtiger geworden und daher die Bauaktivitäten zurückgegangen oder wird schlichtweg weniger investiert?
TB: Grundsätzlich erweist sich der Immobilienmarkt als krisensicher, das heißt täglich kommen neue Projekte auf den Markt. Hier die sprichwörtliche Spreu vom Weizen zu trennen, nimmt daher zunehmend mehr Zeit auf Seiten der Anleger in Anspruch. Hinzu kommt die Verunsicherung der Endkunden seit Beginn der Corona-Pandemie. Die spürbare Konsequenz ist, dass die Finanzierung von Projekten, insbesondere über die Plattformen und durch Kleinanleger, langwieriger ist. Ich kann jedoch beobachten, dass sich insbesondere die Verunsicherung durch Covid-19 legt.

MB: Du sprichst von Kleinanlegern – von wem sollten die Projekte sonst finanziert werden?
TB: Projekte werden häufig auch von semi- und professionellen Anlegern mit- oder sogar vollständig finanziert.

MB: Bei der Gründung von Exporo haben Du und Deine Partner zunächst klein angefangen, seid dann aber relativ schnell gewachsen. Wie hat das funktioniert?
TB: Die Idee, eine Crowdinvesting Plattform für Immobilienprojekte aufzubauen, entstammte dem Mezzanine-Geschäft mit meinem Unternehmen HFH Hamburger Finanzhaus. Ausgehend von den Erfahrungswerten wurde das Business definiert und von uns dann Investoren vorgestellt. Mit dem sogenannten Venture Capital hatten wir dann die Möglichkeit zu wachsen. Das ist der gängige Prozess – selbstredend stark verkürzt dargestellt. Ein bisschen mehr steht dann schon dahinter.

MB: Interessantes Stichwort: Venture Capital. Wie muss man sich das genau vorstellen? Das Unternehmen wird gegründet und wenn dann das Geld ausgeht, begibt man sich auf die Suche nach Venture Capital?
TB: Im Prinzip bauen sich Start-Ups auf diese Weise auf. Grundsätzlich spekulieren Investoren natürlich auch darauf, dass sich das jeweilige Business in Zukunft rechnet. Neben dem Knowhow spielt die Vorstellungskraft von Investoren hierbei auch eine entscheidende Rolle. Einige Start-Ups werden also direkt von Anfang an mit externem Kapital finanziert, andere betreiben sogenanntes Bootstrapping. Das ist eine Finanzierungsstrategie, bei der die Unternehmensgründung gänzlich ohne externe Finanzierung auskommt. Exporo war beispielsweise von Beginn an rentabel: nicht über das Kerngeschäft, aber über Immobilienvermittlung. Das war unsere Strategie. Die Courtage, die wir für den Abverkauf des Objektes erhalten haben, lag ein Vielfaches über dem, was wir mit der Vermittlung von Mezzaninekapital verdient haben. Diese Einnahmen haben dann das Kerngeschäft subventioniert.

MB: Exporo hat Immobilien vermittelt?
TB: Nein, so kann man das nicht sagen. Die finanziellen Säulen, auf denen Exporo aufgebaut wurde, waren zwei von mir zuvor gegründete Unternehmen: Das HFH Hamburger Finanzhaus hat sich um das Fremdkapital für die Projekte gekümmert, über Exporo kam die Schwarmfinanzierung dazu und die Objekte wurden durch HFH Immobilien vermittelt. Die Basis waren also 14 Jahre Erfahrung am Markt mit HFH und das daraus resultierende verlässliche Netzwerk.

MB: Wie ging es dann weiter? Irgendwann musstet ihr euch ja vermehrt auf das Kerngeschäft fokussieren.
TB: Das stimmt. Uns war bewusst, dass das Geschäftsmodell sehr gut skalierbar ist. Das heißt, hätten wir nicht auf Venture Capital zurückgegriffen, dann wäre uns ein anderer Player zuvorgekommen. Wir haben uns als Gründer also intensiv auf den Pitch unserer Geschäftsidee vorbereitet, der Firma einen Wert gegeben und haben uns auf die Suche nach Investoren begeben. Rückblickend ging das alles sehr schnell und wir hatten die Chance gezielt und Schritt für Schritt das Unternehmen auszubauen. Selbstverständlich ist man bei einer konsequenten Wachstumsstrategie und Entwicklung längerfristig auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

MB: Mit Exporo habt ihr also im Prinzip den ‚klassischen‘ Weg beschritten. Start-Ups sind demnach lange Zeit nicht solvent, sondern benötigen immer wieder Finanzspritzen.
TB: Da hast Du einen guten Punkt, die externe Finanzierung solcher Gesellschaften ist immer ein Thema. Das kommt aber nicht überraschend: Bei jeder Kapitalrunde kann man bemessen, wie lange die Investition ausreichen wird.

MB: Also immer wieder neues Kapital?
TB: Genau. Es steht dann die sogenannte Burnrate im Raum: Das, was man am Ende des Monats an negativem Cashflow hat. Entweder legen dann bereits vorhandene Investoren noch einmal nach oder man begibt sich auf die Suche nach neuen Investoren. Dabei ist wichtig, dass das Business so aussichtsreich ist, dass potenzielle Investoren davon ausgehen können, dass der Umsatz in Zukunft die Investitionen ausgleicht und sogar übertrifft. Im Fall von Exporo war das ausschlaggebende Argument das Volumen – es geht schließlich um 450 Mio. Euro in Form von Mezzanine-, das nachweislich ein Wachstum belegte. Während derzeit die Start-Ups beinah aus dem Boden zu sprießen scheinen, wie die Pilze, sollte man sich keiner Illusion hingeben: Seit 40 Jahren hat sich die Statistik insofern nicht verändert, als dass EIN Investment von zehn im Bereich des Venture Capital tatsächlich aufgeht. Oder in anderen Worten: Neun von zehn Unternehmen verschwinden wieder, bevor sie überhaupt bekannt geworden sind.

MB: Was ist das erklärte Ziel bei dem Marktführer Exporo?
TB: Nach der letzten großen Finanzierungsrunde im Sommer, können sich aller Wahrscheinlichkeit nach nur internationale Player leisten. Ein möglicher Börsengang wäre noch eine Möglichkeit an Kapital zu kommen. Offiziell sind bereits jetzt knapp 60 Mio. Euro in Exporo investiert worden.

MB: Hat die Pandemie aktuell einen Einfluss auf die Venture Capital Szene? Werden weiterhin Geschäftsmodelle, die sich zum Teil – zumindest für mein Verständnis – der Nachvollziehbarkeit entziehen, mit Kapital überflutet?
TB: Das ist eine sehr spannende Frage! Meine Erfahrung hat mir bisher gezeigt, dass Menschen recht schnell vergessen. Aktuell ist ohne Zweifel eine gewisse Zurückhaltung zu spüren, aber das wird sich auch wieder ändern. Grundsätzlich gibt es jedoch Unterschiede zwischen europäischen und amerikanischen Märkten: Während in Amerika ein schon fast aggressives Investitionsverhalten vorherrscht, sind Investoren in Deutschland schon vor Covid-19 umsichtiger und sensibler gewesen.

MB: Warum hast Du Dich bereits zu diesem Zeitpunkt aus Exporo zurückgezogen und nicht bis beispielsweise zum Börsengang gewartet?
TB: Als Unternehmer macht mir vor allem die Entwicklung von Ideen und Geschäftsmodellen Spaß. Mit der HFH-Gruppe bin ich mittlerweile 20 Jahre am Markt. Die mit dem Unternehmen gesammelten Erfahrungswerte waren, wie bereits gesagt, die Basis für die Idee einer Crowdinvesting-Plattform. HFH hat sich also in der Vergangenheit bereits als Ideenschmiede in Sachen Immobilien und Immobilienfinanzierung bewiesen. Ich habe mich dazu entschlossen, weitere innovative Unternehmensfelder mit HFH zu erschließen beziehungsweise unser Portfolio auszubauen. Ein Fokus liegt dabei auf der Digitalisierung. Neben der Weiterentwicklung bzw. dem Ausbau von HFH widme ich mich außerdem als Business Angel vielversprechenden Unternehmen wie der Hamburger Proptech REOS- Software.

MB: Du bist nach Deinem Exporo-Ausstieg der Branche aber treu geblieben, oder?
TB: Absolut. Ich fokussiere mich nun wieder auf die Weiterentwicklung der HFH-Gruppe und realisiere dabei mit meinem Team neue Ideen. Wir haben schon vor der Exporo-Gründung Projektentwickler bei der Strukturierung ihrer Finanzierung unterstützt – von der Bankenfinanzierung über die Finanzierung mittels Mezzanine-Kapital. Jedoch professionalisieren wir die Abläufe stetig. Unser Vorteil ist dabei ganz klar, die enge Vernetzung, die auf langjähriger Zusammenarbeit beruht: Wir kennen die Rahmenbedingungen, sehen sich wandelnde Bedürfnisse und können effizient und flexibel agieren.

MB: Und was ist der entscheidende Unterschied im Vergleich zu Deinem Schaffen bei Exporo?
TB: Ganz einfach: Ohne dem Venture Capital Druck, Quartalszielen und Skalierungsplänen arbeitet es sich nicht nur angenehmer, sondern auch ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Wir haben schlichtweg mehr Zeit für unsere Projekte, beschränken uns räumlich möglichst auf die Top-7 der deutschen Städte und können flexibel auf die jeweilige Ausgangssituation der Projekte reagieren und individuelle Strategien erarbeiten.

MB: Und gibt es auch etwas, das Du nach Deinem Exit vermisst?
TB: Selbstverständlich! Ich hatte bei Exporo die Möglichkeit mit einem wirklich tollen Team, Seite an Seite mit Machern und Neudenkern, zu arbeiten. Und auch wenn ich grundsätzlich den gesteigerten Wachstumsdruck nicht vermisse, die Vollgasmentalität, die in der Start-Up-Szene herrscht, hat durchaus auch etwas Anregendes an sich und entspricht meinem Naturell.

MB: Ich hätte da schon ein paar Ideen. Falls Dir irgendwann doch langweilig werden sollte, sag gerne Bescheid.
TB: Na klar, super gerne!

MB: Was ist Dein nächstes Projekt? Du bist ja noch viel zu jung, um es langsam angehen zu lassen.
TB: Ja, genauso sehe ich das auch. (lacht) Du hast ja selbst auch nach Deinen Exits, neue Projekte gestartet. Mein nächstes Projekt ist ein Mezzanine-Fonds. Die Strukturen stehen schon und bald geht es dann auch offiziell los.

MB: Hab ich es mir doch gedacht. Auf welche Anleger ist der Fonds ausgelegt?
TB: Für grundsätzlich alle privaten, semi-professionellen und professionellen Anleger.

MB: Was würdest Du heute vielleicht anders machen, als Du es damals bei der Gründung gemacht hast?
TB: Ich stelle mir manchmal die Frage, wie sich das Projekt entwickelt hätte, wenn wir es ohne Venture Capital versucht hätten.

MB: Also den Weg, den ich mit KENSINGTON von Anfang an bis heute gegangen bin?
TB: Ja, genau

MB: Ja, diese Frage stellt sich bei mir laufend: Moderates Wachstum bei voller Kontrolle über die Aktien und Schuldenfreiheit ohne Verpflichtungen durch Venture Capital oder doch lieber schnelles Wachstum, aber eben mit dem Venture Capital Druck.
TB: Wozu tendierst Du aktuell?

MB: Stand heute: Ich möchte keinen anderen Weg einschlagen. Würdest Du meine Tendenz unterstützen?
TB: Das kann man nicht pauschal beantworten: Ob Venture Capital in eine Gründung einfließen sollte, ist sowohl eine Frage der Zieldefinition, das heißt des angestrebten Wachstums, als auch eine Typfrage.

MB: Welche fünf Tipps würdest Du einem Gründer mitgeben?
TB: Die Auswahl der richtigen Partner ist entscheidend – da sollte man keine Kompromisse eingehen und sich Zeit nehmen. Das Geschäftsmodell sauber zu researchen ist ein Muss. Gründung ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf. Ohne Fleiß und Entbehrungen funktioniert es nicht. Man sollte für die Sache brennen oder es sein lassen.

MB: Ich beobachte, dass viele Gründer ein Problem damit haben zu sagen, dass sie – salopp gesagt – Kohle verdienen wollen. Also mit Anfang 20 war dieser Aspekt zumindest für mich ganz entscheidend. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass das nicht gerne gesehen oder gehört wird.
TB: Nein, das wird tatsächlich nicht gerne gesehen. Das Thema Geld allgemein ist im deutschsprachigen Raum eher ein Tabuthema. Ich kann jedoch jedem Gründer nur empfehlen das auch mal auszusprechen: Ja, ich will Gas geben und finanziell unabhängig werden.

MB: Tim, ich habe noch sechs schnelle Fragen an Dich: Wenn Du eine berühmte Persönlichkeit – tot oder lebendig – treffen dürftest, wer wäre es dann und warum?
TB: Steve Jobs, weil er Produkte völlig neu gedacht und die Welt dadurch verändert hat.

MB: Wenn Du eine Sache auf der Welt verändern dürftest, was wäre das?
TB: Ein höheres allgemeines Bewusstsein für Toleranz, Rücksicht, Achtsamkeit und noch so viele andere positive und wünschenswerte Eigenschaften, die im Moment zu kurz kommen.

MB: Welche war die beste Entscheidung in Deiner beruflichen Laufbahn?
TB: Mich selbstständig zu machen.

MB: Auf was (außer Personen) könntest Du in Deinem Leben nicht verzichten?
TB: Auf jeden Fall gutes Essen und Reisen.

MB: Wenn Du Dir ein Land aussuchen könntest, in welchem würdest Du gerne leben?
TB: Ich lebe sehr gerne in Deutschland, mit der Freiheit auch viel Zeit an anderen Orten verbringen zu können.

MB: Welche Entscheidung in Deinem Leben würdest Du im Nachhinein rückgängig machen wollen?
TB: Rückgängig würde ich nichts machen wollen, aber ich hätte früher mehr Zeit für die Familie schaffen und Kinder in die Welt setzen sollen.

MB: Ich wünsche Dir noch viel Erfolg, bleib gesund und happy.

Mein Fazit: Ich habe einen total entspannten und positiven Gründer erlebt, der voller Tatendrang ist und genau weiß wovon er spricht – ein Vorbild für jeden Gründer. Leider hätte das gesamte, mehrstündige Gespräch abzudrucken, hier den Rahmen gesprengt. Aber ich freue mich auf das nächste Gespräch mit Tim.

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